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Notícias „In der Ukraine werden Stromleitungen in 24 Stunden repariert!“

Roter.Teufel

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Kerze, Kamin, Chaos:
„In der Ukraine werden Stromleitungen in 24 Stunden repariert!“


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Table Media-Chefredakteur Michael Bröcker sitzt im Dunkeln

Ein tagelanger Stromausfall legt eine Kleinstadt lahm – ein Szenario, das man in Deutschland seit der Nachkriegszeit kaum kennt. In Zehlendorf wird aus Routine plötzlich Improvisation, aus Nachbarschaft Freundschaft, aus Selbstverständlichem Überlebenshilfe. Von staatlichen Stellen ist wenig zu sehen. Ein Erfahrungsbericht aus Berlin-Nikolassee.

Der erste Stromausfall in meinem Leben beginnt viel zu früh. Es ist 6.30 Uhr an diesem Samstagmorgen, ein jaulender Hund aus der Nachbarschaft hat mich aus dem Schlaf gerissen. Ich schaue auf das unter dem Kissen liegende Handy. Kein Netz! Das Licht am Nachttisch funktioniert nicht, alle Räume sind dunkel. Ein Blick in den Stromkasten: alle Sicherungen sind drin. Es muss was Größeres sein.

Draußen sehe ich den Nachbarn im Pyjama mit Taschenlampe auf die Straße treten. „Bei euch auch?“, fragt er. Ja, bei uns auch.

Was nun folgt, ist ein Schnellkurs in Preppertum. Es ist der erste Stromausfall in meinem 48-jährigen Leben. Ich bin also ungeübt. Und jene, die schon zu Corona-Zeiten in ihrem Keller Dosensuppen, Gaskocher und Notstromgeneratoren bunkerten, habe ich stets nur müde belächelt. Bei uns doch nicht! Deutschland, die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt. Das zuverlässigste Stromnetz auf diesem Globus. Was soll schon passieren?

Mir wird klar, wie sehr wir im Alltag unter Strom stehen

Nun tasten meine Familie und ich uns in die Dunkelheit vor. Das Smartphone liefert keine Informationen, mit dem Stromnetz ist auch das Mobilfunknetz zusammengebrochen. Warum eigentlich? Ein altes batteriebetriebenes Radio hole ich aus dem Schuppen. Um 8 Uhr meldet der Rundfunk den Stromausfall im Südwesten Berlins, fast 50.000 Haushalte seien betroffen. Eine Kabelbrücke in Lichterfelde ist in Brand geraten, mutmaßlich vorsätzlich. Die Techniker seien vor Ort, gegen 18.30 Uhr werde man alles wieder repariert haben, sagt der Sprecher des Stromnetzbetreibers.

Von wegen. Aber dazu später mehr. Zunächst wird mir klar, wie sehr wir in unserem Alltag unter Strom stehen. Die iPads der Kinder sind dabei zwar ein lautstark formuliertes, aber nicht das größte Problem. Schlimmer ist die Dunkelheit: Die elektrischen Jalousien gehen nicht mehr hoch. Wir stellen an jeder Ecke Kerzen auf. Noch eine letzte warme Dusche, dann pumpt auch die Gastherme kein warmes Wasser mehr in die Heizkörper. Auch eine Gasheizung braucht eben Strom.

Wir räumen den Kühlschrank und die Tiefkühltruhe aus und stellen alles auf die Terrasse. Immerhin läuft der Outdoor-Kühlschrank stabil bei einer Außentemperatur von minus 2 Grad. Kaffee gibt es nicht. Brotzeit im Kerzenlicht. Ich werfe den Kamin an und werde ihn – Umweltschützer bitte hier nicht weiterlesen! – den gesamten Tag weiterheizen lassen. Im Schneetreiben werfe ich die Kühlware auf den Gasgrill im Garten. Würstchen, Lachs, Paprika und sogar eine Pizza. Alles, was gegrillt werden kann, kommt aufs Rost.

Zuvor habe ich beim Propangas-Händler in Zehlendorf noch die letzte Gasflasche ergattern können. 75 Euro. 25 Euro musste ich anschreiben lassen, da ich nicht ausreichend Bargeld dabeihatte und das Kartensystem im Laden – richtig! – Strom benötigt. Das Geschäft läuft aber auch ohne Strom gut, es ist ein wahres Krisenreaktionszentrum für die hilflosen Zehlendorfer. Taschenlampen, Batterie-Radios, Gasflaschen – alles geht bar über die Ladentheke.

Viele der knapp 2000 betroffenen Händler und Gewerbetreibenden haben dagegen am Samstag gar nicht erst aufgemacht. Edeka, Lidl und Aldi haben kein Notstromaggregat und bleiben gleich zu, ebenso Tankstellen und Kioske. Wer einkaufen will, muss nach Potsdam oder in den Osten Zehlendorfs, wo es noch Strom gibt.

Problematisch ist die Lage im Gesundheitssektor. Eine befreundete Ärztin berichtet von Praxen, die ihre Medikamente nicht mehr kühlen können und wegwerfen müssen. Aus den Pflegeheimen und aus einer Psychiatrie werden Personen von Rettungswagen abgeholt und an Orte mit Stromversorgung gebracht.
Ukraine repariert Stromleitungen in 24 Stunden

Inzwischen meldet der Stromnetzbetreiber, dass es bis Donnerstag dauern werde, bis der Schaden behoben ist. Wie bitte? In der Ukraine werden zerschossene Stromleitungen in 24 Stunden repariert, in Tansania steht neben jedem Handymast ein Generator.

Ein Freund postet in einer WhatsApp-Gruppe die Störungsbilanz bei internationalen Blackouts. In Australien war nach einem Stromausfall bei 850.000 Kunden nach acht Stunden alles repariert. In Japan wurde ein Kraftwerk nach einem Erdbebenausfall in 48 Stunden wieder hochgefahren, in England waren Hunderttausende Kunden nach einer technischen Panne nach 30 Minuten wieder online, in Manhattan dauerte es nach einem technischen Fehler in einer Umspannstation (Betroffene: 73.000 Kunden) genau fünf Stunden.

Und in Berlin fünf Tage? Das Wort „failed city“ macht die Runde. „Grüße nach Dunkeldeutschland. Kann ich was für dich tun?“, schreibt ein Freund aus München. Am Sonntagfrüh die nächste Hiobsbotschaft: Die Schulen kündigen an, zunächst geschlossen zu bleiben. Keine Heizungen, kein Backup. Kein Strom. Der Unterrichtsausfall bleibt die große Konstante in der Bildungsrepublik. Müssten nicht genau diese Kathedralen der Zukunft bestmöglich mit Sicherungssystemen ausgestattet sein?

Der Unmut in der Nachbarschaft wächst. „Bananenrepublik“, schimpft ein handwerklich begabter Nachbar, der seine Heizungszentrale mit einem Notstromaggregat zusammengeschlossen hat. Es war das letzte im Baumarkt. Aber wer kann schon so etwas? Was machen die älteren Alleinstehenden ohne Handyverbindung und Strom jetzt? Im Stadtteil Wannsee entkommt ein älterer Mann, der wegen einer seltenen Erkrankung an eine Beatmungsmaschine angeschlossen ist, nur knapp dem Tod. Der Rettungswagen kam wenige Minuten, bevor der Akku der Maschine ausgegangen wäre. Sein Betreuer hatte erst einen Ort mit Netz finden müssen, um zu telefonieren.

Warum dauert das so lange, Herr Wegner?

Informationen sind in der Krise überlebenswichtig. Aber in manchen Stadtteilen ist über Stunden nichts von Hilfskräften zu sehen oder zu hören. In sozialen Medien sind allerdings Lautsprecherwagen der Polizei zu sehen, die durch die Straßen fahren und um nachbarschaftliche Hilfe bitten und Tipps für kalte Nächte geben. Dafür bleiben die Ampeln tot, Autofahrer tasten sich an die Kreuzungen heran und verständigen sich mit Handzeichen. Müsste nicht längst die Bundeswehr an den Haustüren klopfen und so Notfälle aufspüren? Die frühere CDU-Familienministerin Kristina Schröder fordert dies und schreibt bei X: „35.000 Haushalte fünf Tage ohne Strom bedeuten absehbar Hunderte bis Tausende Todesopfer!“

Übertriebener Alarmismus? Wahrscheinlich. Aber dass eine Kleinstadt eine knappe Woche ohne Strom und Heizung unversehrt übersteht, wäre dann doch ein Wunder.

Ein Anruf bei Kai Wegner am Sonntag. Warum dauert das so lange? „Das habe ich den Stromnetzbetreiber auch gefragt“, antwortet der Regierende Bürgermeister genervt. Der Schneefall, das zerstörte dicke Stromkabel, sei die Antwort gewesen. Es sei eben aufwendig, es gehe um einen gezielten Anschlag. Aber natürlich dränge er die Verantwortlichen „nahezu minütlich“ dazu, schneller zu sein, sagt Wegner. Vorwürfe, dass er in der Krise nicht zu sehen sei, wischt er beiseite. Den ganzen Tag habe er von zu Hause aus koordiniert und telefoniert.

Erst am Sonntag lässt sich Wegner bei den Helfern im Krisengebiet persönlich blicken. Offenbar scheint ihm die Sache nun doch zu heikel zu werden. Der CDU-Stadtchef ruft die Großlage aus, setzt sich an die Spitze des Krisenzentrums und bittet telefonisch Verteidigungsminister Boris Pistorius um Hilfe. Der SPD-Minister lässt daraufhin prüfen, ob die Spezialpioniere der Bundeswehr, die für die Stromversorgung in Zeltlagern zuständig sind, helfen können. Eine flächendeckende Präsenz in den teilweise entvölkerten Stadtteilen – viele Bewohner sind zu Freunden und Verwandten geflüchtet – wird allerdings bis zuletzt nicht angeordnet.

Die Sorge nach Plünderungen und Einbrüchen geht um, man sei mit drei Hundertschaften von der Polizei unterwegs, beruhigt der Senat. Am Sonntagabend meldet sich dann der Stromnetzbetreiber zu Wort. Man arbeite an der Wiederherstellung der zerstörten Stromleitung, aber zeitgleich auch an einem Provisorium für die betroffenen Haushalte.

Nach 48 Stunden Blackout in Berlin bleibt die Erkenntnis, wie verwundbar die vernetzte Gesellschaft doch ist. Und dass man sich – wenn es darauf ankommt – vor allem auf eines verlassen kann: das private Umfeld. Eine Kollegin bietet schon am Samstagnachmittag per SMS ihr nie genutztes Notstromaggregat an. Ein Nachbar erklärt mir, wie er seine Autobatterie an den Stromverteiler für die Jalousien angeschlossen und diese hochgefahren hat.

Aus Schöneberg, Potsdam und Frohnau kommen Angebote von Freunden für eine Übernachtung und eine warme Mahlzeit. Wir nehmen an und ziehen für eine Nacht nach Frohnau. Das Haus lassen wir im Dunkeln zurück.

Bild Zeitung
 
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